Die Tür

Maler David, gespielt von Mads Mikkelsen (Casino Royale), hat den Tod seiner siebenjährigen Tochter verschuldet. Er gibt sich selbst auf, verliert die Kontrolle über sein Leben. Bis zu dem Tag, so scheint es, als er eine geheimnisvolle Tür entdeckt, die ihm den Start in ein neues Leben zu ermöglichen scheint. Diese Chance entpuppt sich für David jedoch als wahre Hölle und nicht als glücklicher Neuanfang…

Dieser interessant klingende neue deutsche Streifen wurde von Anno Saul in Szene gesetzt und mit Jessica Schwarz und Heike Makatsch prominent besetzt. Die Musik stammt vom Schweizer Komponisten Florian Römer und wurde nun vom Label „Königskinder“ auf CD verewigt.

Wie von „Königskinder“ erwartet, gibt es im Booklet schmeichelnde Worte des Regisseurs über die Musik und deren Komponisten zu lesen, die in etwa genauso inhaltsleer geraten sind wie das bei aktuellen CD-Veröffentlichungen in letzter Zeit immer zu befürchten ist. Dass Regisseur Anno Saul über die Musik Fabian Römers nichts Konkretes sagt, ist allerdings auch vielleicht besser gewesen, wenn er schreibt, man habe den einzigartigen Klang im Einsatz des „con legno“ gefunden. Spielt es eine Rolle, dass es eigentlich „col legno“ heißt? Die Saiten eines Streichinstrumentes werden dabei nicht, wie üblich, mit den Haaren des Bogens gespielt, sondern mit der hölzernen Stange leicht geschlagen. Mittlerweile vermute ich jedoch, dass das ein Abtippfehler von „Königskinder“ war, denn auch bei Fabian Römer heißt es auf einmal im Booklet „con legno“, und wenn der Komponist nicht weiß, wie es richtig heißt, würde mir das zu denken geben.

Die Verwendung des „col legno“ ist zwar weder in der Konzertmusik noch in Soundtracks etwas bahnbrechend Neues oder Innovatives, aber es muss ja auch nicht jede Filmmusik das Rad neu erfinden.
Zu Wort kommt auch Romanautor Akif Pirincci, der von der Musik begeistert war und dem Leser schon mehr über die Komposition verrät als Anno Saul: Den Hörer erwartet geheimnisvolle Musik ohne „abgedrehte Synthesizer-Effekte“, sondern ganz altmodisch mit Violinen, Trommeln, Klavier und Gitarren.

Wenn ich nun noch Komponist Fabian Römer aus dem Booklet zitiere, erspare ich mir eigentlich eine weitere Beschreibung der Musik: Neun Monate dauerte die Komposition der Musik, wobei das Hauptthema schon recht früh fest stand. Angeblich, so Römer, tauche das Hauptthema zum ersten Mal im dritten Track „Nahtod“ auf. Aber auch nach mehrmaligem Hören konnte der Rezensent kein solches Thema feststellen und ist nach wie vor über Römers Aussage recht verwirrt. Sphärische Streicherbögen, gedämpfte Gitarrenschläge, Unterstützung von Synthesizern und zum Schluss sieben langsam gespielte Klaviernoten, denen der Begriff „Hauptthema“ ganz und gar nicht zustehen würde. Aber für mich galt es noch mehr zu entdecken als besagtes Hauptthema, das sich irgendwo versteckt haben musste.

Interessant war für mich natürlich, wie der Komponist das „col legno“, das im Booklettext so viel versprechend erwähnt wird, verwendet. Es sei gesagt, dass diese Spielanweisung nicht annähernd die Rolle spielt, die ihr laut Anno Saul zukommen sollte bzw. wie ich es erwartet hatte. Fabian Römer baut das „col legno“ recht geschickt ein und es passt hervorragend zu seinem Konzept, Sound-Design mit Musik zu vermischen. Das „col legno“ reiht sich still und brav ein zu den anderen interessanten Einfällen, die der Komponist hatte und die seine Filmmusik doch recht ungewöhnlich machen:
Ein präpariertes Klavier, eine Dulcita (eine Abwandlung des Dulcimers, welches z. B. von Henry Mancini in The Thorn Birds prominent eingesetzt wurde), Vibraphon, eine Klangschale (ein asiatisches Instrument), ein Daumenklavier, diverse Trommeln. Sounds, die aus dem PC kommen, werden sehr sparsam eingesetzt, dazu gesellen sich Instrumente eines traditionellen Sinfonieorchesters und erschaffen eine interessante Atmosphäre, die, wie Anno Saul angekündigt hatte, wahrlich beunruhigend und angespannt ist.

Die interessante Besetzung macht die Suspense-Passagen, von denen es gar nicht mal wenige gibt, auch noch leidlich interessant, so dass man immer wieder aufhorcht, und ungewohnte Klänge wissen hier durchaus zu gefallen.

Auch wenn Herr Römer das im Booklet anders sehen mag, ist seine Filmmusik thematisch nicht gerade stark, aber das ist nicht unbedingt zu ihrem Nachteil – vielleicht hätte es ihr sogar geschadet. Die Mischung aus Sound-Design mit  Instrumentaleffekten und sphärischen Orchesterphantastereien ist konzeptionell gelungen und interessant, da solche unkonventionellen Umsetzungen heutzutage nicht zuletzt durch das Problem der „Temp Tracks“ kaum mehr zu hören sind. Umso erfreulicher, dass in Deutschland ungewöhnliche Ideen die Chance erhalten, in die Tat umgesetzt zu werden. Erfreulich auch, dass Römer mit dem Mix aus Sound-Design und Orchester keine blasse Thomas Newman-Kopie präsentiert. Die Verwendung  z. B. von Dulcita oder Klangschale setzt außerdem ein genaues Studium der Instrumente voraus, was die Musik noch mal leicht aufwertet.

Macht solche Musik auf CD aber überhaupt Sinn? Die Musik hängt an einigen Stellen ziemlich durch, die Spannung kann hier nicht 48 Minuten auf dem gleichen Niveau gehalten werden, und diese Art von Musik ist für viele Hörer immer eine Art „Problemkind“, das man sich selten anhört oder auf CD kaum bis gar keinen Sinn macht. So schlimm ist es hier nicht – wie bereits erwähnt lassen einige interessante Ansätze immer wieder aufhorchen, aber man könnte die Musik für das reine Hörvergnügen wahrscheinlich auf gut 20 Minuten zusammenkürzen.

Fazit: Wer romantische Orchestermusik erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden und wer so etwas präferiert, sollte von dieser CD die Hände lassen. Wer sich mit Musik, die sich nicht sofort erschließt und etwas anstrengender ist, gerne mal auseinandersetzt, darf hier beherzt zugreifen. Auf jeden Fall eine erfrischende neue deutsche Filmmusik und obwohl ich kein Werbeträger für „Königskinder“ bin, muss ich wie auch schon bei meiner Rezension zu Maria, ihm schmeckt’s nichtsagen, dass dieses Label die interessantesten deutschen Filmmusiken herausbringt und auch hier wieder einen guten Griff getan hat.

Stephan, 7.11.2009

 

DIE TÜR

Fabian Römer

Königskinder KK011

46 Min. / 18 Tracks

 

 

 

 

 

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