Defiance

Meine Autorenkollegen hier wissen, dass ich kein grosser Anhänger von, ich nenne es absichtlich in übertriebener Art so, seuselnden Violinsoli à la Ithzak Perlman. Das soll keinerlei Geringschätzung für den hervorragenden Geigenvirtuosen sein, es ist die Art der Musik, die mir nicht so behagt. Schindler’s List also zählt keineswegs zu meinen Favoriten, ich bin dieses Scores allerdings auch deswegen überdrüssig geworden, weil er eine Zeit lang immer und überall zu hören war, kopiert und als Standardwerk thematisch ähnlicher Filme verwendet wurde. Seine Qualität als hervorragender Filmscore ist allerdings nicht anzuzweifeln.

James Newton Howard geht in Defiance einen ähnlichen Weg, auch dieser Film hat die Judenverfolgung zum Thema. Dennoch erwischte mich die stark jüdisch geprägte Komposition für den Film mit Bond-Darsteller Daniel Craig ein wenig auf dem falschen Fuss, erwartete ich doch etwas mehr an Action und Spannung, obschon die Ausgangslage für den schliesslich vorliegenden Score natürlich prädestiniert war. Howard setzt auf dramatisch-thematische Arbeit und rechnet dem jüdischen Ambiente (der Film handelt von einem Brüderpaar, das nach Weissrussland flüchtet und sich dort den Widerstandskämpfern anschliesst mit dem Ziel ein eigenes Dorf zu errichten, in dem Hunderte von Juden unterkommen und beschützt werden sollen) einen deutlichen und anteilsmässig gewichtigen Part zu. Und das ist eben auch das Problem von Defiance. Die Solovioline hat sich zu einem Klischee entwickelt, das man einfach zu oft schon gehört hat. Ein weiterer Negativpunkt des Scores ist die fehlende Dynamik: Der Grossteil der Musik spielt sich in einem eng bemessenen Level an Lautstärke und dementsprechend eingeengter Bewegung im Orchester ab. Eine kränkelnde Schiene aus der gegenwärtigen Filmfabrik.

Howard hat in Musiken wie The Happening und The Village gezeigt, dass er mit Soloarbeiten behutsam und bewusst umgehen kann. Hier sind die Soli von Joshua Bell hervorragend umgesetzt, da gibt es nichts dran zu rütteln. Auch hat Defiance seine schönen Momente und das Spiel mit diffuser Elektronik und Orchester gibt dem inzwischen wirklich etwas breit getretenen Trampelpfad des Violinen-Klischees ein wenig Luft und die zahlreichen Themen sorgen für Abwechslung – wobei das romantisch malerische Hauptthema („Escaping the Ghetto“) das Auffälligste ist und das jenige, mit dem Howard am variantenreichsten umgeht.

Defiance ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist sicher nicht Howards bestes Werk und die zugegeben subjektiv beurteilten Mängel wiegen doch recht schwer, gerade wenn man sich an mehreren Hördurchläufen versucht. Andererseits ist der Score ein sehr sauber produziertes, geschickt gemachtes Vehikel (prädestiniert für eine Oscarnominierung, quod erat demonstrandum), das sich vom Einheitsbrei Hollywoods abzuheben weiss. Ich pendle in der Wertung seit dem ersten Hörkontakt mit Defiance zwischen einer sicher verdienten 3 und einer mir dann doch etwas zu hohen 3.5. Im Zweifel für den Angeklagten wird die 3.25 schliesslich aufgerundet…
Phil. 14.3.2009

 

DEFIANCE

James Newton Howard

Sony Classical 8697-38523-2

49:40 Min. / 15 Tracks

 

 

 

 

 

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