Days of Wine and Roses

Henry Mancini

Intrada Special Collection Volume 242

74:58 Min. / 27 Tracks

40 Paare verliessen während der Premiere von Days of Wine and Roses das Kino, da sie eine romantische Komödie erwarteten und stattdessen ein schonungsloses Porträt über ein alkoholkrankes Ehepaar vorgesetzt bekamen. Und es war in der Tat ein währschafter Imagebruch, den Blake Edwards, Henry Mancini und Jack Lemmon mit diesem Film in Kauf nahmen. Das Risiko hat sich aber zumindest künstlerisch gesehen gelohnt, denn auch wenn das eindringliche und packende Drama aus heutiger Sicht nicht mehr ganz so verstörend wirken mag wie anno 1962, hat es an Aktualität (leider) noch kaum etwas eingebüsst.

Nur die wenigsten hätten damals Lemmon ‒ bis anhin vorwiegend im Komödienfach zu Hause ‒ eine derart realistische Darstellung eines Alkoholikers zugetraut, ihm zur Seite stand die nicht minder brilliante Lee Remick. Aber auch Mancini verliess seine Komfortzone, die er sich vor allem bei Edwards-Filmen mit lockerer Wohlfühlmusik, die sich auch tonträgermässig äusserster Beliebtheit erfreute, eingerichtet hatte, und trug der dem Filmstoff innewohnende Tragik mit düsteren und unbehaglichen Klängen Rechnung. Da sich diese beim besten Willen nicht in ein verkaufsträchtiges Album umwandeln liessen, blieb Days of Wine and Roses mit Ausnahme des oscarprämierten Titelsongs (Text von Johnny Mercer) einer der wenigen Mancini-Scores für Edwards, die unveröffentlicht blieben.

Dieser Song, der praktisch über Nacht zum Klassiker wurde und rasch Eingang ins Repertoire berühmter Künstler wie Andy Williams, Peggy Lee, Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Duke Ellington oder Bill Evans fand, basiert auf dem Liebesthema, das aber kaum konventionelle, Glückseligkeit verheissende Romantik verströmt, sondern meist versucht, sehr unsicheren Halt im Kampf gegen die Sucht zu bieten und in tiefe Melancholie getränkt ist. Im Main Title stimmt zunächst ein Waldhorn die Melodie an, dann übernimmt ein Chor, der einzig und allein in diesem Track zum Einsatz kommt. Erweckt eine sanfte Gitarre in Days Guitar Sorce, take 2 noch zärtliche Gefühle, bekommt man kurz darauf in Man Meets Girl mit dunstigen Streichern, Waldhörnern, Flöten und Saxophon bereits ungute Vorahnungen. Die verstärken sich dann im Laufe des Scores ‒ beispielsweise beim zuweilen schon der Verzweiflung nahen Some Laughs ‒ immer mehr.

Ab They Fired Me legt Mancini seine Karten dann endgültig auf den Tisch und zieht uns immer tiefer in den verhängnisvollen Strudel der Trunksucht, indem er der Musik in Vanilla, Part 1, Vanilla, Part 2, Get in the Tub, Part 1 und Get in the Tub, Part 2 praktisch alles Helle, Harmonische und Erfreuliche entzieht und stattdessen das qualvolle und unkontrollierbare Verlangen nach Hochprozentigem und dessen Wirkung meisterhaft in Klänge umzuwandeln versteht. So ein wenig kommt einem bei diesen Tracks manchmal Bernard Herrmanns Taxi Driver in den Sinn.

Der Höhe-, oder wohl besser gesagt, der Tiefpunkt eines Trinkerlebens wird in No Guts erreicht, der zwar mit dem Hauptthema optimistisch anfängt, aber nach der Soloeinlage einer bluesigen Trompete geraten die Bläser in ein immer schwindelerregenderes Torkeln, und jeder, der schon mal einen Vollrausch durchlebt hat, wird keine Mühe haben, diesen Zustand in der Musik wiederzuerkennen. Die Katerstimmung folgt in I Want to Come Home mit dem ziemlich abgekämpften Hauptthema, das zwischenzeitlich durch Gitarre und Glockenspiel einen Funken Hoffnung schöpft. Letztendlich erscheint dann aber nochmals das Waldhorn, das mitten in seiner Phrase zu schweigen beginnt und damit auf das offene Filmende hinweist. Oder aber auch auf einen Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.

Die Extras enthalten Source-Musik, aus denen Navel Engagement (Turkish Combo), eine gewitzte exotische Nummer in typischer Mancini-Manier, heraussticht. Ich persönlich hätte es bevorzugt, wenn auch die übers Hauptprogramm verstreuten Jazz-Stücke ‒ zweifellos ebenfalls Source-Cues ‒ in dieser Sektion Platz gefunden hätten, was dem dramatischen Fluss des Scores zugute gekommen wäre. Das ist aber so ziemlich der einzige Kritikpunkt an dieser ansonsten in allen Belangen hervorragenden CD.

Days of Wine and Roses legt eindrücklich Zeugnis davon ab, mit welch sicherem Instinkt Henry Mancini auf die Bedürfnisse eines Filmes reagieren konnte. Dies ist ein Score, der nie vordergründig oder effektheischend ist, sondern durch Subtilität ebenso überzeugt wie durch Kompromisslosigkeit. Er ist meilenweit davon entfernt, was wir ansonsten von Edwards/Mancini kennen, nämlich Musik, die niemandem wehtut. Und gerade deshalb vielleicht ein Kronjuwel dieser legendären, langjährigen Zusammenarbeit, das zu entdecken sich mehr als lohnt.
Andi, 11.6.2013

 

 

 

 

 

4.5

Kommentar hinterlassen

Schreib einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*