Damnation Alley

Holy grails, Schätze, die irgendwo verschollen sind und die sich die Fangemeinde seit Jahrzehnten endlich auf Tonträger wünscht, die Liste wird kleiner und kleiner. Bei Goldsmith gab es derer vieler, fast alle haben inzwischen den Weg in die heimische Stube gefunden. Fast alle, denn ein Score wehrte sich lange hartnäckig dagegen: DAMNATION ALLEY. Als 2004 Varèse die tolle GOLDSMITH AT FOX Box mit vielen bis dahin unveröffentlichten Musiken des Maestros rausbrachte, war die Freude gross, denn immerhin 19 Minuten aus DAMNATION ALLEY waren nebst vielen anderen Leckereien mit dabei.
40 Jahre nachdem der Film mit Jan-Michael Vincent, George Peppard und Paul Winfield (sowie dem nur mit einem Kurzauftritt bedachten Murray Hamilton, einst Bürgermeister in JAWS), war es an Intrada uns zu beschenken. Verschollen blieben allerdings die Bänder mit Goldsmiths Elektronika und so entschied man sich, diese neu einzuspielen.

Kurz zum Film: Der ist wirklich, wirklich schlecht und es ist kein Wunder, dass gerade viele jüngere Sammler dieses „Werk“ noch nie zu Gesicht bekamen. Doch die Verbindung mit Regisseur Jack Smight bewog Goldsmith wohl dazu, den Film unter seine Fittiche zu nehmen. Zusammen arbeiteten sie zuvor an THE ILLUSTRATED MAN sowie THE TRAVELLING EXECUTIONER und kannten sich aus TV-Tagen. DAMNATION ALLEY spielt irgendwann in der Zukunft, nachdem ein verheerender Atomkrieg die Erde beinahe auslöschte. Eine Gruppe Überlebender kämpft sich in ihrem futuristischen Gefährt (die Hauptattraktion des Films) durch die Postapokalypse und trifft dabei unter anderem auf Riesenskorpione, fiese fleischfressende Panzerkäfer und feindlich gesinnte Hinterwäldler. Und weil alles gelinde gesagt recht miserabel umgesetzt, aber gross aufgelegt wurde, während ein kleiner Film ohne grosse Vorabpublicity namens STAR WARS des gleichen Studios gerade die Kinos stürmte, versuchte man mit zusätzlichen Aufnahmen des Spezialgefährts noch zu retten was zu retten war. Gelungen ist das freilich nicht und so fristet der Film ein Dasein, der ihn dereinst, nicht zuletzt auch der himmelschreienden Dialoge wegen, zu Kalkofes „SchleFaZ“ bringen könnte. Sinnbildlich für die Qualität des Films ist vielleicht Goldsmiths Kommentar zu einem Stück, als er sagte, hier „einen der wildesten Actioncues überhaupt zu schreiben, um von den Effekten abzulenken…“. Es ist nicht verkehrt zu behaupten, das beste an DAMNATION ALLEY sei, wieder einmal, die Filmmusik von Jerry Goldsmih, an der wir uns nun für 33 Minuten erfreuen können (3 Minuten davon sind „alternate takes“).

Die allererste Frage, die man sich stellen dürfte: Und wie klingen sie denn nun, die Synthesizer? Kurzum: wirklich recht gut. Was ich mich allerdings fragte, ich hatte den Film seit längerem nicht mehr gesehen, ob sie nicht eine Spur zu leise abgemischt worden sind? Dieses Gefühl erhält man, vergleicht man ähnliche Scores des Komponisten aus jener Zeit, LOGAN’S RUN, CASSANDRA CROSSING (ui, noch so einer…) damit. Aufschluss wird schliesslich aber der Vergleich mit dem Film selber geben: Ich konnte einige Klänge, insbesondere als Effekte eingesetzt, heraushören, die im Film lauter waren als sie auf dieser CD abgemischt wurden, wohingegen die meisten Sounds, die als rhythmische Unterlage vorgesehen waren, ziemlich genau der Vorlage entsprechen. Alles in allem haben die Jungs von Intrada hier also gute Arbeit geleistet, auch wenn der Goldsmith-Fan sicher lieber die Originale gehabt hätte. Interessant wäre noch gewesen ob sich Intrada die Mühe gemacht hat, die Klänge via Lautsprecher ins Mikro einzuspeisen oder ob das, wahrscheinlich Letzteres, alles digital und inline geschah. Die Goldsmithmethode wäre natürlich der Clou gewesen.

DAMNATION ALLEY ist eine faszinierende Musik, für die Goldsmith von militärisch geprägt („Main Titles“) bis auffallend optimistisch („End Titles“), dazwischen ein knackiges, vorantreibendes Motiv für das Gefährt („The Landmasters“), Horror par excellence („Don’t Bug Me“) und leicht Experimentelles (sicher, Goldsmith kann in dieser Beziehung noch ganz anders) zu Beginn von „A New Day“ und in „A Storm is Brewing“ zu hören, geschrieben hat. Die Orchesterbesetzung zeigt ebenfalls einige Besonderheiten: Keine Violinen, aber eine grosse Bratschensektion, Celli und Bässe. Je 5 Musiker bei Flöten, Oboe, Klarinette und Fagotte, dazu 6 Saxophone (!). Eine 9 Mann starke Hornsektion, 6 Trompeten und 6 Posaunen (plus eine Tuba). Die Synthesizerklänge haben wie angesprochen zwei Aufgaben, Effekt und Rhythmusgegenstand, so sind sie ab und an mit dem Perkussionsregister vereint (auch hier ist Emil Radocchia aka Emil Richards wie so oft bei Goldsmith dabei, nebst Joe Porcaro – Vater der Brüder Porcaro, die bei Toto spiel(t)en – Larry Bunker und Kenneth Watson). Es dirigiert übrigens der alte Haudegen Lionel Newman.

Ein wenig mehr Hintergrundinfos zum Film hätte ich mir in den Liner Notes gewünscht, dafür 2, 3 Bilder weniger. Aber ansonsten kann man hier lecker zubeissen, auch wenn kurz ausgefallen, so ist DAMNATION ALLEY doch ein absoluter Klasse Goldsmith! Bleiben die Fragen, wieso Herr Vincent eigentlich dauernd mit dem Motorrad herumfährt und was die Dame des Films, die Französin Dominique Sanda, ausser schreien und in jeder Aufnahme neu eingekleidet zu sein, eigentlich in dem Film zu suchen hatte?

Phil, 5.1.2018

DAMNATION ALLEY

Jerry Goldsmith

Intrada Special Collection

33 Min. / 16 Tracks

 

 

 

 

 

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