Cromwell

Mit dieser Veröffentlichung haben wir wieder mal einen schönen Beweis dafür, dass nichts unmöglich ist, wenn es um das mirakulöse Auftauchen längst verschollen geglaubter Filmmusikaufnahmen geht. Nach jahrelanger, vergeblicher Suche nach den Scoring-Session-Masters von Cromwell beschloss Douglass Fake, wenigstens das alte, wenn auch äusserst dialoglastige LP-Programm wieder in Umlauf zu bringen und sicherte sich dafür die Lizenz bei EMI. Geliefert wurden dann jedoch nicht bloss die LP-Master, sondern auch eine ganze Ladung Bänder, die angeblich die kompletten Sound-Effekte des Filmes enthielten. Beim Durchhören stellte sich dann aber rasch heraus, dass sich darauf, fein säuberlich getrennt, zu je einem Drittel Effekte, Dialoge und Frank Cordells Musik in einwandfreiem Stereo befanden. Für Fake markierte dieser unverhoffte Fund nichts weniger als einen Höhepunkt in seiner mittlerweile 27-jährigen Tätigkeit als Filmmusikproduzent.

Der in Kingston upon Thames geborene Frank Cordell (1918‒1980) arbeitete im Laufe seiner Karriere in den Londoner Studios von Warner Brothers, bei der BBC und beim Plattenlabel HMV (wo er eine Reihe von Alben mit Unterhaltungsmusik einspielte) und profilierte sich ab 1952 auch als Filmkomponist, wobei hier sein Output mit 23 Titeln während praktisch ebenso vieler Jahre sich in eher bescheidenem Rahmen hält. Dies und die Tatsache, dass er praktisch keine bekannten Produktionen vertonte, machen Cordell zu einem wenig geläufigen Namen (vielleicht sähe das anders aus, wenn er den Kompositonsauftrag zu Kubricks 2001, für den er eine Zeitlang im Gespräch war, bekommen hätte), aber in seinen auf Tonträgern verfügbaren Scores wie Flight from Ashiya, Khartoum und Mosquito Squadron erweist er sich als ein sehr talentierter Komponist, den zu entdecken sich für alle Anhänger gepflegter sinfonischer Filmmusik lohnt.

Cromwell, 1970 von Ken Hughes aufwändig in Szene gesetzt, thematisiert die zwei von 1642 bis 1649 tobenden Bürgerkriege in England mit all ihren politischen und religiösen Ränkespielen; mitiniziiert werden diese vom puritanischen Landadligen Oliver Cromwell, der nicht nur als Wortführer im Parlament immer mehr Macht erlangt, sondern als Feldherr auch die Armee von König Charles I niederringt, was zu dessen Entmachtung und zur kurzlebigen «Commonwealth of England» führt.

Der Film ist mit Richard Harris als Cromwell und insbesondere Alec Guinness als Charles I vorzüglich besetzt, muss ich aber den Vorwurf gefallen lassen, es mit den historischen Fakten nicht allzu genau zu nehmen. Und obschon Cordell für seine Musik sowohl eine Oscar- als auch eine Golden-Globe-Nominierung erhält (seine einzigen Nota bene), so rückt auch sie ins Visier einiger Kritiker. Von «nachgeahmtem Bach» wird da geschrieben, oder von «andauernder Schwächung und Herabsetzung des Filmes, anstatt ihn zu stärken».

Vielleicht tut man der Musik auch deshalb ein wenig Unrecht, weil ein guter Teil des über 70minütigen Scores im Endeffekt gar nicht verwendet wurde. Denn das so ziemlich einzig Negative, das mir im Zusammenhang mit dem Film auffällt, ist, dass Cordell manchmal die Pferde durchgehen, weil er ein paar hochdramatische Dialogszenen, die keine Unterstützung gebraucht hätten, mit seiner Musik etwas arg überstrapaziert.

Aber abgenabelt vom Film ‒ und darum geht es uns ja in erster Linie ‒ ist Cromwell eine Komposition, die auch beim etwas anspruchsvolleren Hörer auf positive Resonanz stossen dürfte. Denn Cordell strukturiert seinen Score sehr geschickt: Während Cromwell vorwiegend mit modernen Klängen bedacht wird, ist im Umfeld von King Charles I Barock zu hören, es prallen also Fortschritt und Tradition aufeinander, was mitunter zu faszinierenden Reibungsflächen, aber keinen unerwünschten Stilbrüchen führt.

Der Main Title macht uns mit dem Cromwell-Thema vertraut, das, angeführt von Fanfaren, die wie eine Kampfansage klingen, und mit Chorbegleitung zunächst dessen Entschlossenheit und seinen Glauben offenlegen. Gerade letzterer wird gerne mit menschlichen Stimmen untermauert, sei es durch einen an Mönchsgesang erinnernden Männerchor in The Battle Ends oder eine Sopranistin in Battle of Naseby. Dieses Thema ist dank Cordells kundiger Hand sehr anpassungsfähig und manchmal ebenso schwer zu fassen wie der zwiespältige Charakter Cromwells.

Erstaunlicherweise erweckt der eigentliche Bösewicht ‒ Charles I ‒ nicht nur im Film durch Guinness‘ feinfühliges Spiel unsere Sympathie, sondern wird auch in der Musik durch eine würdevolle und zärtliche Sarabande in ein mildes Licht getaucht, die unter anderem seine Liebe zu Frau und Kindern reflektiert und damit gar für die einzigen romantischen Momente des Scores besorgt ist. Schöne Beispiele dieses Themas sind etwa in Intermission Overture oder Deportation zu hören. Weitere barocke Klänge finden sich im feierlichen London-Motiv in „Aye ‒ A Beggar“ und Wear A Crown sowie in einem kurzen, royalen Marsch für Blechbläser und Trommeln, der mehrmals zum Einsatz kommt.

Auch wenn Cordell die Tradition englischer Komponisten wie Vaughan-Williams oder Walton aufrecht erhält, sind doch auch Einflüsse von ausserhalb der Insel erkennbar. Die Schlachtszenen atmen zum Teil ein wenig den Geist eines Waxman oder North, kurze Passagen scheinen von Copland inspiriert, und bei einigen religiösen Klängen denkt man unweigerlich an Rózsa. Aber da Cordell ansonsten genug eigene Persönlichkeit in den Score einbringt, darf er sich das durchaus erlauben, ohne damit zu brüskieren.

Über CD 2, die Fakes ursprüngliches Objekt der Begierde ‒ das LP-Programm ‒ enthält, braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Dieses verfügt zwar über eine für damalige Verhältnisse generöse Spielzeit von 52 Minuten, aber die Musik wird, wenn sie denn mal erklingt, meist überdeckt von Dialogen oder Geräuschen. Von besonderem Interesse ist das also wohl nur für die allergrössten Anhänger des Films und/oder der Schauspieler.

Was lange währt, wird endlich gut, ist man geneigt zu sagen, und es ist in der Tat eine grosse Freude, dass der nebst Khartoum wichtigste Score von Frank Cordell nach all den Jahren nun doch noch in all seiner Pracht genossen werden kann. Damit startet Intrada wahrlich formidabel ins Filmmusikjahr 2013.

Andi, 2.2.2013

 

CROMWELL

Frank Cordell

Intrada Special Collection Volume 228

CD 1: 72:38  / 30 Tracks
CD 2: 51:47 / 20 Tracks

 

 

 

 

 

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