Creed

Creed (2015) von Regisseur Ryan Coogler kann zu den grössten Überraschungen des Kinojahres 2015 gezählt werden. Als siebter Teil in der gefeierten Rocky-Reihe, hat er legendäre „Vorfahren“, deren Schlagkraft er nach dem ernüchternden Trailer jedoch nicht geerbt zu haben schien. Doch diese Befürchtung war zum Glück verfehlt, denn der finale Film vermag die Rocky-Geschichte mit interessanten und kurzweiligen neuen Story-Aspekten während gut zwei Stunden unterhaltsam fortzuspinnen. Dazu gibt’s viel stylische Haue im Ring und den einen oder anderen blöden wie (alters-) weisen Spruch zur Auflockerung (mal mehr, mal minder gewollt). Und auch die Filmmusik weiss zu überraschen: Statt Synthi-Score und Boxer-„Milieu“-Songs erhalten wir eine über weite Strecken mitreissende und aussergewöhnlich extrovertierte Filmmusik von Ludwig Göransson, welcher hierfür Orchester und Chor auffährt und somit das Erbe von Bill Conti voll und ganz beherzigt.

Göransson baut seinen Score zum einen auf das sehr eingängige Thema für die Hauptfigur, Adonis (gespielt von Michael B. Jordan), zum anderen auf Referenzen an die Conti-Musik auf. Das Adonis-Thema ist ein extremer Ohrwurm. Nach dem Schauen des Films und auch nach dem Hören des Albums, dürfte man diese Melodie kaum mehr aus dem Kopf kriegen. Zum einen, weil dieses Thema wirklich sehr gelungen ist, zum anderen aber auch, weil es omnipräsent ist. Wer das Thema nicht mag, der dürfte spätestens ab dem letzten Drittel des Albums mit dem Creed-Score auf Kriegsfuss stehen. Hätte Göransson nicht auch noch Zitate der bekannten Conti-Themen Gonna Fly Now (Theme From Rocky) (in den Stücken First Date, Rocky is Sick, You’re a Creed und You Can See the Whole Town from Here) und Going the Distance (im Stück You’re a Creed) eingebaut, wäre Creed eine gänzlich monothematische Filmmusik geworden. Doch Göransson präsentiert das Adonis-Thema nicht einfach immergleich und platt, sondern variiert dieses bzgl. der Stimmung in ausgeprägtem Masse. Das Thema wirkt mal intim und verletzlich, mal angriffslustig und aufmüpfig, mal knallhart und heroisch. Die Komposition erweist sich als enorm wandlungsfähig, was Eindruck macht. Doch gegen Ende des Albums hin und damit nachdem das Adonis-Thema in End Credits und der Creed Suite nochmals rund 5 Minuten fast pausenlos variiert wurde, beginnt man, dessen etwas überdrüssig zu werden. Nichtsdestotrotz bietet dieses Themenset kurzweilige Unterhaltung.

Aus dem Rahmen fallen die Stücke Grip, Breathe und Shed You – alle jeweils mit dem Zusatz „(Interlude)“ versehen. Hierbei handelt es sich um Elektro- und Hip-Hop-„Instrumental“-Versionen der gleichnamigen Songs vom Song-Album von Creed (von Atlantic Records veröffentlicht). Diese werden auf dem Song-Album von Tessa Thompson und, im Falle von Shed You, zusammen mit Moses Sumney vorgetragen. Mit Ihnen zusammen schrieb Göransson auch diese Interlude-Stücke. Sie vereinen sich kaum mit dem Rest des Scores, weshalb sie etwas fremd anmuten. Kritikpunkt Nummer 2 ist, dass die Stücke Meeting Rocky, Front Street Gym, I Got You, If I Fight, You Fight [Training Montage], Conlan Fight und die Creed Suite jeweils stellenweise von Dialog-Fetzen überlagert werden. Das wäre gänzlich unnötig gewesen und muss als ärgerlich kritisiert werden.

Fazit: Wenn einem die legendären Conit-Themen und das neue Adonis-Thema gut gefallen, dann ist Creed von Ludwig Göransson über weite Strecken sehr unterhaltsam und im Falle von If I Fight, You Fight (Training Montage) und You’re a Creed sehr mitreissend. Der fast schon euphorische Ersteindruck, der sich einstellen dürfte, könnte in manchen Fällen nach mehrmaligem Hören aufgrund der äusserst starken Präsenz des Adonis-Themas und der Dialog-Fetzen jedoch wieder etwas gemildert werden. Dennoch: eine schöne Überraschung des Filmmusikjahres 2015.

Basil, 8.1.2016

 

CREED

Ludwig Göransson

Sony Music (WaterTower)

59:27 Min. / 21 Tracks

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