Coco

Mit COCO (2017) vertont Komponist Michael Giacchino bereits zum sechsten Mal einen abendfüllenden Animationsfilm aus der Trickschmiede Disney/Pixar. Die Erzählung rund um den Buben Miguel, dessen grosse Leidenschaft die Musik ist, wofür seine Familie jedoch gänzlich kein Verständnis zeigt, eingeflochten in das traditionsreiche Setting des mexikanischen Día de los Muertos, kommt in gewohnt visueller Pracht und mit grenzenlosem Einfallsreichtum daher. So kunterbunt und ideenreich der Film geworden ist, so verspielt ist auch die Musik von Michael Giacchino ausgefallen. Hier treffen seine Stilismen aus früheren Animations-Filmmusiken mit mexikanischer Musikkultur zusammen.

Ob einem COCO gefallen wird, hängt also substanziell damit zusammen, ob man an mexikanischer Musik à la Mariachi-Band, Grito-Jauchzer und Solo-Auftritten von Trompete, Panflöte und Marimba Gefallen findet. Michael Giacchino und sein Team haben keinen Aufwand gescheut, die reiche Musikkultur Mexikos zu studieren, vor Ort in zahlreichen Sessions mit lokalen Musikern und Bands «pure mexikanische Musik aus allen Genres» aufzunehmen (total wurden innert weniger Tagen über 70 Minuten aufgenommen) und diese in den Studios in LA mit den Orchesteraufnahmen zu kombinieren. Das Ergebnis ist handwerklich beachtlich geworden und sprüht mit Ideen und Klangfarben. Dazu ist es Giacchino gelungen, mit einem oft präsenten, schönen Hauptthema für die Familie von Miguel, die Rivera-Familie, einen roten Faden durch die Musik hindurch zu spinnen. Dieses Hauptthema benötigt etwas Zeit, um sich im Ohr zu etablieren, doch mal dort angekommen, zeigt es sich ausdauernd. Neben diesem Hauptthema hat Giacchino auch Themen und Motive für Miguel, Hector und das Fabelwesen Alebrije geschrieben. Diese haben es neben dem Rivera-Thema jedoch eher schwer, klar zur Geltung zu kommen. Am ehesten gelingt dies dem Alebrije-Thema, das in Form einer kraftvollen «Drohgebärde» daherkommt (zum ersten Mal zu hören am Ende von «The Skeleton Key to Escape»).

Neben vielen verspielten Musikmomenten wartet Michael Giacchino auch noch mit ein paar kräftig dissonanten Stücken für die ersten Begegnungen mit den unheimlichen Toten auf («It’s all Relative», «Cave Dwelling on the Past», «The Show Must Go On») und er hat zu verschiedenen Anlässen im Film Fiesta-Musik geschrieben, die ebenso gut als Source-Musik wahrgenommen werden könnte: «The Newbie Skeleton Walk», «Plaza de la Cruz», «Fiesta Espectacular» und «Fiesta Con de la Cruz».

Im Ergebnis ist das 78-minütige COCO-Album ein umfassendes Filmsouvenir geworden. Die Songs, die rund 20 Minuten ausmachen, reichen von neu komponierten Balladen («Remember Me») zu neu interpretierten Folklore-Klassikern («La Llorona») bis hin zu eher aus der Reihe tanzenden Electro-Einlagen («Jálale») – mal in Englisch, mal in Spanisch und mal ein Mix aus beidem. Dazu eine grosszügige, 60-minütige Präsentation von Michael Giacchinos Score, der in gewohnter Giacchino/Animation-Manier in viele Richtungen geht und mit sehr vielen Ideen aufwartet. Das Resultat ist handwerklich geschickt und zeugt einmal mehr von Giacchinos grosser Wandlungsfähigkeit, der hiermit nach SPIDER-MAN: HOMECOMING und WAR FOR THE PLANET OF THE APES erneut ein beeindruckendes und stilistisch vielseitiges Schaffensjahr mit viel Comedy abschliesst.

Basil, 29.12.2017

 

COCO

Michael Giacchino

Kristen Anderson-Lopez (Song), Robert Lopez (Song), Germaine Franco (Song), Adrian Molina (Song)

Walt Disney Records

78 Min. / 35 Tracks

 

 

 

 

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