Chéri

Alexandre Desplat

Colosseum CST-6961.2

46:30 Min. / 15 Tracks

Alle paar Jahre wieder dasselbe Bild: Die Filmmusik-Rezensenten-Schar weltweit feiert in fast froher Eintracht ihren neuen Shooting Star, der angeblich frischen Wind in den vermoderten Hollywood-Einheitsbrei der Gegenwart bringen soll. In den letzten zwei Jahren fiel die Wahl vornehmlich auf Frankreich-Export Alexandre Desplat, der für seinen nicht mehr als durchschnitlichen Benjamin Button gar mit den großartigsten Lobhudeleien überhäuft wurde. Wie austauschbar und bieder Desplats Vertonungskonzept inzwischen geworden ist, zeigt nicht nur die aktuelle CD-Veröffentlichung zur Coco Chanel-Biographie, sondern auch die kurz davor entstandene Arbeit zum opulenten Michelle Pfeiffer-Kostümdrama Chéri, die im April ein paar Monate vor dem US-Release auf Tonträger erschienen ist. Der Film vom britischen Regisseur Stephen Frears, der hier zusammen mit Drehbuchautor Christopher Hampton und Star Michelle Pfeiffer ein wenig auf das Terrain seines nun 20 Jahre alten preisgekrönten Dangerous Liaisons zurückkehrt, lief bereits im Februar im Wettbewerb der Berlinale und erhielt dort zum Großteil enthusiastische Kritiken. Der deutsche Kinostart ist übrigens für den 27. August vorgesehen.

Basierend auf einem Roman der französischen Schriftstellerin Colette, wird die leidenschaftliche und verhängnisvoll endende Liaison zwischen einer attraktiven Lebedame in den mittleren Jahren (Pfeiffer) und dem um zwei Jahrzehnte jüngeren Chéri (Rupert Friend) im Paris zur Zeit der Belle Epoque erzählt. Ob nun Button oder Chéri: Vor Desplats innerem Ohr scheinen jedenfalls dieselben Glöckchen geklingelt zu haben, was man ruhig wörtlich nehmen darf. Es sind nämlich wieder die gleichen musikalischen Marotten im Spiel mit den vor sich hinschlierenden Streicher- und Klavierteppichen, den belanglosen Klangtupfern von Glockenspiel und Klavier und den nicht enden wollenden Repetitionen von gerade mal zwei oder drei Tönen, die auf simpelste Weise fast über einen ganzen Track hinweg hin- und hergeschaukelt werden. Selbstverständlich drehen sich erneut harmlos-kurzatmige Motive im Kreis oder werden vor- und rückwärts gespielt. Und wer dahinter immer noch die feinsinnigsten künstlerischen Ambitionen zu vernehmen meint, der darf sich dementsprechend erneut zu einer (Über-) Interpretation aufschwingen, in all dem spiegele sich ganz klar die Essenz des Films und vielleicht sei es sogar die selbst reflektierende Melancholie der glamourösen, diesmal weiblichen Hauptgestalt.

Des Pudels Kern scheint mir aber anderswo zu liegen: Immer deutlicher zeigt sich in Desplats neueren Partituren, wie beschränkt der stilistische Kosmos des Komponisten doch offenbar ist und wie stark er in letzter Zeit von seiner Fangemeinde überschätzt wurde. Geradezu als einfallslos und vorhersehbar zu bezeichnen sind die rhythmischen Strukturen und vor allem die gleichförmige Instrumentierung, die wie üblich natürlich Klavier, Glockenspiel, Harfe und Flöten in den Vordergrund stellt.

Es handelt sich dabei um Musik ohne echte Leidenschaft oder Intensität, die über weite Strecken mit tickender und klickender Berieselung in den Begleitstimmen nurmehr vor sich hinplänkelt. Spannungserzeugende musikalische Kanten oder Kontraste bleiben völlig aus, dagegen werden vor allem wenige Noten über Minuten extrem gedehnt. Kein Wunder, dass mit solch armseligen Methoden haufenweise derartiger Scores in kürzester Zeit zusammengezimmert werden können. Die extreme „Dehnung“ scheint zudem heutzutage die neueste Masche zu sein, um damit in heuchlerischer Weise einen salbungsvollen künstlerischen Anspruch vorzutäuschen, der in der kompositorischen Gestaltung jedoch keinen Widerhall findet. Es reicht einfach nicht aus, mal 30 Sekunden lang eine trübsinnige Viola oder Cello-Phrase vor einem monoton-schläfrigen Pizzicato-Klangteppich aufspielen zu lassen. So was ist ein weichspülerisches Kunstgewerbe, aber keine emotional aufwühlende Filmmusik.

Wenigstens bietet die CD mit dem in Track 2 (The Rose Acacia) und auch noch in ein paar weiteren Stücken aufscheinenden walzerartigen Thema, das eine leichte Ähnlickleit mit dem Valse d’Augustine aus Vladimir Cosmas Le Cháteau de ma mère aufweist, den ein oder anderen positiven melodischen Lichtblick. Zwar bringen auch die wohl als Hommage an Rotas Fellini-Scores gedachten quirligen Zirkusmusik-Einschübe wie im ersten Track Chéri etwas dynamische Abwechslung ins Spiel, wirken aber dennoch zu flügellahm und unausgegoren.

Schade ist im Endeffekt, wie wenig klangfarblichen Zauber Desplat aus einem Spitzenorchester wie dem London Symphony Orchestra herausholt, das ihm hier zur Verfügung stand. Man möchte gar nicht erst daran zurückdenken, welche vielschichtigen, originellen und in allen impressionistischen Farben glühenden Tonschöpfungen ein Philippe Sarde in den 70er und 80er Jahren mit demselben Orchester eingespielt hatte. Davon ist in einem dermaßen beliebigen Score wie diesem Chéri wenig bis gar nichts mehr zu spüren. Es steht leider zu befürchten, dass Desplat auch in naher Zukunft nicht aus seiner mit Klischees vollgestopften Mottenkiste herausfindet.

Wie erfreulich wäre es doch gewesen, wenn ein solch dankbarer Kompositionsauftrag statt an Desplat an Luis Bacalov, Krishna Levy oder auch an einen George Fenton gegangen wäre.

Stefan, 28.5.2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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