Charge of the Light Brigade

Max Steiner

Tribute Film Classics TFC-1005

CD 1: 65:28 / 25 Tracks
CD 2: 34:54 / 12 Tracks

The Charge of the Light Brigade ist ein Eckpfeiler in Steiners Schaffen. Nicht nur war es sein erster Film für die Warner Brothers –jenes Studio, das man primär mit ihm verbindet – sondern auch die erste von zahlreichen gemeinsamen Arbeiten mit Regisseur Michael Curtiz sowie Errol Flynn, der im Jahr zuvor mit Captain Blood seinen Leinwanddurchbruch geschafft hatte.

Der Titel des ambitonierten Streifens leitet sich ab von der während des Krimkrieges geführten Schlacht bei Balaklawa, wo die Briten in Folge missverständlicher Befehlsübermittlungen eine desaströse Niederlage gegen die übermächtige russische Armee erlitten. Um den Film abendfüllend zu gestalten, stellte man in typischer Hollywoodmanier einen Handlungsstrang rund um ein Massaker britischer Kolonisten in Indien voran; dieses Ereignis beruht zwar lose ebenfalls auf Fakten, ist aber chronologisch falsch, da es rund drei Jahre später stattgefunden hat und zudem keinerlei Bezug zum Krimkrieg hat.

Man muss also lange warten auf die Charge, Höhepunkt sowohl des Filmes als auch des Scores, aber es ist nicht so, dass einem Max Steiner die Zeit bis dahin nicht aufs Angenehmste verkürzen würde. Seine Musik besitzt viele herausragende Merkmale wie das Hauptthema in Form eines stringenten Marsches, der in den vielen militärischen Aktionen wirkungsvoll zum Einsatz kommt. Die exotischen Schauplätze werden von europäisch verklärter Orientalik charakterisiert, welche auch das bedrohlich eingefärbte Motiv für den niederträchtigen Surat Khan mit einschliesst.

Für romantische Ruhepunkte zwischen den Kamphandlungen sorgen die reizenden Themen rund um Elsa Campbell (Olivia de Havilland), die von den Brüdern Geoffrey und Perry Vickers (Errol Flynn und Patric Knowles) umgarnt wird. Hier und insbesondere auch bei diversen Tänzen während eines Offiziersballs fliesst reichlich Wiener Blut durch die Musik. So ganz konnte Max Steiner gerade im Gefühlvollen seine Wurzeln halt nie verbergen.

Das Salz in der Suppe sind die zündend orchestrierten und thematisch ausgeklügelten Actionpassagen, bei denen jeder Fan von bombastischer Filmmusik genüsslich mit der Zunge schnalzen dürfte. Bilden schon I’d rather hoped for some Action, Attack of the Suristanis oder MassacreParadebeispiele dafür, wirken sie letzten Endes doch nur wie Vorgeplänkel verglichen mit dem Schlussbukett, das im Track gleichen Namens wie der Film entfacht wird. Dieses knapp zehnminütige Schlachtgetümmel gehört zweifellos zum Komplexesten und Mitreissendsten, was Steiner je geschaffen hat. Mit militärischer Präzision kreiert er ein dissonantes Chaos, das durch Einbezug seines Marsches, des Surat Khan-Themas, der «Rule Britannia» und der Zarenhymne thematische Struktur bekommt. Das stetig anziehende Tempo verlangt dem bravourös agierenden Orchester – allen voran den Blechbläsern – das Äusserste ab.

Ebenso virtuos wie die Musik sind die dazugehörigen Bilder inszeniert, die Filmgeschichte geschrieben haben. Die Sequenz erhielt aber auch traurige Berühmtheit wegen Tierquälerei. Durch den Einsatz des berüchtigten «running W», eines Stolperdrahtes, wurden Dutzende von Pferden brutal zu Fall gebracht. Ich weiss nicht, ob das Booklet das Ganze beschönigt, wenn es vorsichtig von mindestens einem zu Tode gekommenen Pferd berichtet, manche Quellen beziffern die Verlustzahlen jedenfalls erschreckend hoch. So oder so war dies richtigerweise der Anlass, die Tierschutzgesetze für Hollywood deutlich zu verschärfen.

Nebst dem kompletten Score, den John Morgan gewohnt sorgfältig zum Teil rekonstruierte, gibt es auf dieser Doppel-CD mit The Light Brigade rides again zusätzlich noch die Musik zum Trailer des Films, sowie mit Arsenic and old Lace einen zwar schwungvollen, doch ziemlich deplatziert wirkenden Bonustrack.

The Charge of the Light Brigade wirkt auch heute noch recht frisch und unverbraucht und fesselt praktisch durchgehend an die Lautsprecher, was man längst nicht von allen Steiner-Scores behaupten kann. Das ist nicht despektierlich gegenüber dem von mir sehr geschätzten Komponisten gemeint, aber bei seinem fliessbandartigen Arbeitspensum schlich sich im Laufe der Jahre wohl unvermeidbar gelegentlich schon eine etwas gleichförmige Routine ein. Wer ihn deshalb als langweilig und altbacken betrachtet, kann sich hier eines Besseren belehren lassen. Dies ist eine Musik, die auch dank des Klangs – der ebenso wie die optische Präsentation vom Feinsten ist –das Potenzial hat, alle Altersgruppen anzusprechen. William Stromberg holt das Beste aus den Moskauer Sinfonikern heraus, und die Interpretation ist kein Vergleich zur Suite, die er 1994 mit dem Brandenburg Philharmonic Orchestra für Marco Polo eingespielt hat. Dass es diesem Klassiker der Filmmusik nochmals seine Ehre erweist, und diesmal auf eine ihm gerecht werdende Art und Weise, kann man dem Tribute-Team nur herzlich verdanken.

Andi 19.4.2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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