Caged! The Dark Side of Max Steiner

Schicksalsgemeinschaft auf den Florida Keys, ein korrupter Kleinstadt-Sheriff, durchlebte Hölle im Frauenknast, eine Mörderin aus besseren Kreisen, mysteriöse Todesfälle, ein Boots-Eigner in Nöten, eine Schauspielerin, die sich in einen mutmasslichen Mörder verliebt. Dies sind in Stichworten die Filme aus der Blütezeit des Film Noir, die auf dieser Triple-CD vereint sind und von einem Mann stammen, der die Musik dieser Gattung wesentlich mitgeprägt hat. «The Dark Side Of Max Steiner» heisst denn auch passend der Untertitel zu CAGED!. Der Komponist fühlte sich offensichtlich pudelwohl beim Erschaffen von düsteren Szenarien, wobei er den Hörer nicht durchgehend darin zappeln lässt, sondern Klänge der Hoffnung, des Trostes und der Erlösung nicht vernachlässigt. Von den Scores, die alle aus den Warner-Brothers-Archiven stammen, hat keiner komplett überlebt, aber die meisten sind noch mehr oder weniger repräsentativ vorhanden, ja enthalten zum Teil sogar nicht verwendete Musik und Alternates.

Mit KEY LARGO erlebt man den zweifellos sowohl aus filmischer wie auch aus musikalischer Sicht bekanntesten Vertreter der hier Versammelten; altgediente Filmmusiksammler dürften dank der seit Jahrzehnten vertrauten Charles-Gerhardt-Suite in nostalgischen Gefühlen schwelgen, insbesondere wenn das wundervolle Thema für den von Humphrey Bogart verkörperten Frank McCloud ertönt, das man mit Fug und Recht als Hauptthema bezeichnen kann und das dessen militärische Vergangenheit ebenso beleuchtet wie seine besonnene, verletzliche und empathische Seite. Das pure Gegenteil zu diesem kultivierten, manchmal fast schon religiösen Thema bildet ein brutales, absteigendes Motiv für eine Gangsterbande, die unwetterbedingt im von Nora Temple (Lauren Bacall) und ihrem Vater (Lionel Barrymore) geführten Hotel festsitzt, und dass dieses Motiv meist aus fünf Tönen besteht, ist wohl kein Zufall, sind die schweren Jungs doch fünf an der Zahl. Der skrupellose Boss, Johnny Rocco ‒ ein bravurös aufspielender Edward G. Robinson ‒ stellt dabei eine ebensolche Naturgewalt dar wie der tobende Hurrikan, den der Komponist auf seine Hörerschaft hereinbrechen lässt. In Bearbeitungen des nicht von Steiner stammenden «Moanin‘ Low» lassen Saxophone die verblassende Erotik von Roccos gedemütigter Gespielin Gaye Dawn (Oscar für Claire Trevor) erahnen. Ein ungezwungenes, pastoral angehauchtes Thema für Nora wird unterverwendet, weil der Film nicht auf ihre sich langsam anbahnende Romanze mit McCloud fokussiert ist. Im Wechselspiel mit für die Zeit zwar typischer, aber kreativ gestalteter Indianermusik und gepfefferter Dramatik prägt die thematische Struktur diesen auf allen Gefühlsebenen bestens funktionierenden Score, der das Prädikat «besonders hörenswert» verdient.

Ein Auftakt nach Mass also, hinter dem sich das Folgende jedoch nicht zu verstecken braucht. FLAMINGO ROAD mit Joan Crawford und Sidney Greenstreet bezieht sich im kurzen, schwül-jazzigen «Main Title» auf die Südstaaten-Lokalität (weitere solche Momente ‒ gerne den Klarinetten, Trompeten, aber auch Streichern anvertraut ‒ werden folgen) und gibt sich oft verspielt, nostalgisch, zuweilen tragisch. Wirklich dunkle Passagen sind eher rar; vielleicht gab es sie vermehrt, haben aber nicht überlebt, da nur rund die Hälfte des Scores noch vorhanden ist. Aber auch so verdient diese Musik Respekt.

Im unerbittlichen «Main Title» von CAGED! (der Film geniesst zumindest in den USA Kultstatus) werfen fatale Ereignisse ihre Schatten voraus, wobei das markante Hauptthema erst gegen Ende des Tracks erstmals erklingt. Die Angst, Verzweiflung und Hysterie von Marie Allen (Eleanor Parker) bei der Einlieferung ins Gefängnis wird von Steiner sehr gut eingefangen, vor allem über die Streicher (sowohl im Verbund auch als solistisch), die aber immer wieder ‒ gerne auch mit Unterstützung der Holzbläser ‒ Schimmer der Hoffnung und Zuversicht einstreuen. Die ganz grosse Dramatik hält sich eher zurück, aber wenn sie kommt, bahnt sie sich brachial ihren Weg. Zu guter Letzt ist dann schon im Vorfeld angedeuteter Jazz zu hören, der ganz schön verrucht daherkommt und damit vielleicht Dinge andeutet, die der Film nicht zeigen darf.

Ein düsterer Marsch dient im «Main Title» von THE UNFAITHFUL als unheilvoller Vorbote zu einem Tötungsdelikt mit Fragezeichen, bevor sich die Musik eine kurze, romantisch-heitere Auszeit nimmt. Schnell aber verdichten sich die Thriller-Elemente ‒ meist über das in verschiedenen Spannungsstufen verarbeitete Hauptthema ‒ und die langsam Fahrt aufnehmende Dramatik steuert auf ein unausweichlich scheinendes Schicksal zu. Das gipfelt zunächst in Tragik, aber Steiner entlässt den Hörer letztendlich mit positiven Gefühlen.

Schlecht bestellt ist es um die nächsten zwei Titel. Nicht, was die Qualität betrifft, sondern die Quantität. Von BACKFIRE ist nur noch der «Main Title» vorhanden (der Grossteil dieses Scores stammt ohnehin von Daniele Amfitheatrof), von THE BREAKING POINT mit drei Tracks auch nicht viel mehr. Bei BACKFIRE klingen gerade mal die ersten Takte film-noirisch, dann werden ein romantisches Klavier und eine Prise Humor aufgefahren. Auch THE BREAKING POINT mit pastoraler Sologeige und Tanzmusik ist in dieser Kurzform alles andere als genre-konform.

Der im Südwesten der USA angesiedelte LIGHTNING STRIKES TWICE ähnelt teilweise REBECCA. Kaum verwunderlich also, wird man gleich zu Beginn in einen melodramatischen Strudel gezogen, der sich auf die verhängnisvolle Affäre von Shelley Carnes (Ruth Roman) und Richard Trevelyan (Richard Todd) bezieht. Die Musik lässt sich zunächst mit deren beider Themen recht viel Zeit, im angenehmen Zustand des Frischverliebtseins zu verweilen. Diese Aufgabe übernehmen vornehmlich schmachtende Streicher, was auch solistische Passagen mit einschliesst. Dass der Himmel zwar voller Geigen hängt, jedoch nicht alles harmonisch ist, macht Steiner während dieses ersten Teils des Scores indes laufend mal mehr, mal weniger subtil verständlich, wenn etwa Hammondorgel und Holzbläser verstörende Klänge hervorrufen. Für Ablenkung sorgen zwischendurch ein Shelley zugeordnetes «driving motif» (der Name ist Programm) sowie lateinamerikanische (Source?)Musik mit Gitarren und Akkordeon. Eine Präsentation von Schuberts «Ave Maria» bildet die Trennlinie zwischen dieser brüchigen Idylle und einem Schlussteil, der von Verzweiflung und gewalttätiger, zerstörerischer Energie geprägt ist. Übrig bleiben Trauer und ein hoffnungsvoller Blick nach vorne.

Mit dieser Box wird Max Steiners Renommée ein grosser Dienst erwiesen. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt wird einem so richtig bewusst, was für ein begnadeter Komponist er auch auf dem Gebiet des Film Noir war, für den er ebenso berufen gewesen scheint wie ein Miklós Rózsa oder Franz Waxman, die man eher mit dem Genre assoziiert. Der Wert dieser Kollektion ist daher nicht zu unterschätzen und wäre noch höher einzustufen, wenn zusätzlich auch noch leider verlustig gegangene Hochkaräter wie THE BIG SLEEP und WHITE HEAT mit von der Partie wären. Aber auch so ist dies eine Golden-Age-Veröffentlichung der Extraklasse, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Andi, 24.6.2018

CAGED!
The Dark Side of Max Steiner

Brigham Young University

BYU-FMA/MS-123

CD 1: 70:56 Min. / 34 Tracks
CD 2: 72:14 Min. / 40 Tracks
CD 3: 70:54 Min. / 36 Tracks