Ben Hur (Tadlow)

Nach der famosen Film Score Monthly Veröffentlichung von 2012, ja es sind schon wieder 5 Jahre vergangen, durfte man sich durchaus fragen ob Tadlow mit einer Neueinspielung dieses zugegeben sehr populären Titels wirklich auf das, pardon the pun, richtige Pferd setzt? Es wird jene, insbesondere jüngere Filmmusikhörer, geben, die eine Neuinterpretation durchaus gerne in Betracht ziehen, vielleicht sogar bevorzugen und zweifelsohne auch die Hörerschaft, die, so möglich, jedem Detail aufnahmetechnisch lauschen wollen. Demgegenüber wird es die Anhänger der Originaleinspielungen geben, weil sie eben das gewisse Etwas bevorzugen, das vielleicht nur damals, im Falle von BEN HUR nun schon 58 Jahre zurückliegend, zu erreichen war. Möglicherweise liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, wer weiss? Während ich im Emailaustausch mit Andi um die richtigen Worte rang, traf er den Nagel auf den Kopf, als er schieb: „…jedoch stellt sich bei mir jene tief empfundene Spiritualiät – insbesondere beim Christus-Thema – das der Filmeinspielung und auch der Savina- und Kloss-Alben, ja sogar der Rózsa Neueinspielung aus den Siebzigern innewohnt, nicht so wirklich ein. Diese noch lange nachhallende Berührtheit, die ich dabei jeweils nach dem Hören empfinde, will hier nicht so recht aufkommen. Selbst wenn sie wollten, würden sie das unvergleichliche Ambiente des Originals (und erwähnte Einspielungen) wohl nicht mehr hinkriegen, zu sehr haben sich die Zeiten und die Menschen seither verändert. Aber das soll ja auch nicht das Ziel sein, ansonsten bräuchten wir gar keine Neueinspielungen. Der Klangqualität und der bislang unveröffentlichten Cues wegen ist diese Doppel-CD natürlich auf jeden Fall trotzdem unverzichtbar.“

Andi sprach mir damit aus der Seele, während ich mich auch nach dem dritten Hördurchgang noch fragte ob ich schlicht und einfach nicht aufgelegt sei um BEN HUR in der Neueinspielung der Tschechen zu zu hören. Während sie, also die Prager, musikalisch längst zum Feinsten gehören, was filmmusikalische Neueinspielungen betrifft und die Latte für alle anderen Label und Orchester sehr hoch gesetzt haben (immerhin sind Filmmusikkonzerte nach wie vor populär, wie diverse Touren eines Ennio Morricones, Hans Zimmers oder Lokalitäten wie Luzern oder Wien zeigen), so ist es ganz speziell im Falle von BEN HUR so, dass das rein musikalische Element zwar nicht gering zu schätzen ist, durchaus aber die Frage gestellt werden darf, ob es heute überhaupt möglich ist dieses ganz tiefe Gefühl zu erreichen, wie es Miklós Rózsa damals mit seinen Musikern erzielte? Natürlich, wir haben 2017 und wenn man auch nicht immer in der Vergangenheit leben sollte, so gibt es eben in der Interpretation und insbesondere der Emotionalität grosse Unterschiede zu heute.

Jedenfalls lässt bei mir die „Overture“, auf bluray geschaut und in sattem 2.76:1 projeziert, nach wie vor die Nackenhärchen aufstehen, während Nic Raines Version vorüberschwebt. Nein, das ist alles toll gespielt und das Orchester gelangt in den spannungsgeladeneren Passagen (so etwa Teilen der Galerenmusik („Battle Preperations/The Pirate Fleet/Attack!/Bamming Speed/Battle/Rescue/Roman Sails/The Rowers“) zu absoluten Höhen und vorzüglich dynamischem Spiel, und die Fanfaren, von denen es in BEN HUR nicht wenige gibt, sind auf den Punkt. Doch gerade das was Rózsas Musik ausmacht, und William Wylers Film ist in erster Linie ein Werk um Religion, Glauben, zerbrochene Freundschaft und Liebe, berührt Tadlows Einspielung nicht tief genug um stürmische Begeisterung auszulösen. Wem das also wichtig ist, dem sei das Original ans Herz gelegt, wer auf eine gelungene Neueinspielung der „Neuzeit“ aus ist, der wird mit Nic Raines Interpretation bestens bedient. Ausserdem haben James Fitzpatrick und sein Team sich hier die Freiheit für einige kreative Entscheide getroffen, die ein etwas anderes Hörerlebnis generieren.

Tadlow wartet mit einigen Weltpremieren auf. Insgesamt sind es deren fünf Stücke, die hier zum ersten Mal zu hören sind, ausserdem setzt James Fitzpatrick diverse Tracks in einen chronlogischen Verlauf, die so nicht oder gar nicht im Film zu hören waren. Also haben wir eine so zuvor nie gehörte Scheibe auf hohem Niveau, um die Fans des Komponisten und des Golden Age kaum herum kommen werden. Und wenn Fitzpatrick in seinen abschliessenden Notizen schreibt: „The City of Prague Philharmonic Orchestra and Choir are well-versed in the composer’s style and play it with a passion and commitment that I doubt any other group of musicians could match“, so kann man dem durchaus zustimmen.

Ansonsten, wenn man sich vertiefter in Rózsas Komposition einlesen möchte, sei an dieser Stelle Andi Süess‘ tolle Rezension in unserer Golden Age Abteilung empfohlen, auch das Booklet von Frank DeWald zur Tadlow CD liefert guten Stoff, wenn auch nicht unbedingt viel Neues.

Phil, 9.10.2017

 

BEN HUR (Tadlow)

Miklós Rózsa

Tadlow 026

CD1: 78:16 Min. / 18 Tracks

CD2: 78:33 Min. / 21 Tracks

 

 

 

 

 

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