Angélique

Michel Magne

Universal 532 716-2 

69:13 Min.
24 Tracks

Unter den gefragtesten französischen Filmkomponisten der 60er Jahre war Michel Magne so etwas wie ein musikalisches Chamäleon, ein exzentrischer Eklektiker, dessen stilistische Bandbreite von modischem Sixties-Jazz über skurrile Clownerien bis zu romantisch ausladender traditioneller Sinfonik reichte. Obwohl Magne bereits in den 50ern mit seinen experimentellen Konzertwerken in der Art der „musique concrète“ die Pariser Konzertsäle unsicher gemacht hatte und fast als „Bürgerschreck“ galt, wurde sein eigentliches Betätigungsfeld ab Anfang der 60er Jahre die Filmmusik, wobei er sich als Grenzgänger zwischen Nouvelle Vague und den altgedienten Routiniers des französischen Unterhaltungskinos locker hin- und herbewegte. Mit derselben Begeisterung und Experimentierfreude widmete er sich den Kult-Serials um Fantomas oder das Monokel, betreute die spekulativ aufgebauschten Erotik-Dramen von Roger Vadim ebenso wie erfoglreiche Komödien, Historienfilme oder Literaturverfilmungen.

Unsterblich gemacht haben den Komponisten aber vor allem die Scores zu den fünf Teilen der berühmten Angélique-Serie, die von 1964 bis 1968 unter der Regie von Bernard Borderie mit den beiden Stars Michéle Mercier und Robert Hossein in den Hauptrollen entstanden. Nicht nur in Frankreich, sondern etwa auch in Deutschland strömten zu der Zeit Millionen in die Kinos und machten die Verfilmungen der populären Romane von Anne Golon zu absoluten Kassenknüllern, die als kommerzielles Aushängeschild der Grande Nation dienten.

Der Erfolg speiste sich vor allem aus der geschickten Verbindung üppiger dekorativer Schauwerte mit einer guten Portion Rührseligkeit und Kolportage sowie einigen erotisch freizügigen, heutzutage aber doch eher recht zahm wirkenden Szenen. Über fünf Teile hinweg wird die Geschichte der jungen Aristokratentochter Angélique erzählt, die sich in den verunstalteten Grafen Geoffrey de Peyrac verliebt, der vom Sonnenkönig Ludwig XIV. der Hexerei angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird. Erst in Teil 2 erfährt Angélique, dass ihr Geliebter noch lebt, doch erneut verliert sie ihn. Als maskierter Pirat Rescator wird Peyrac in Teil 4 Indomptable Angélique wieder auftauchen, bis es in dem im Orient spielenden Teil 5 Angélique et le sultan nach vielen qualvollen und herzzerreißenden Abenteuern für die beiden Liebenden schließlich doch noch ein Happy-Endgibt.

An Magne lag es, diesem inhaltlich ausufernden Epos eine musikalische Gestalt, eine Struktur zu geben, und vor allem, der durch nichts zu bändigenden, alles überstrahlenden Liebe Angéliques zu Peyrac Ausdruck zu verleihen. Er hat dies getan mit einem weitgespannten prachtvoll-schwelgerischen Hauptthema, das zu Recht äußerst berühmt geworden ist und wohl zum Bekanntesten gehört, was an orchestraler Filmmusik für das französische Kino der 60er Jahre komponiert wurde. Die Filmadaptionen sind im Grunde reinster Kitsch und auch recht zähflüssig, während Magnes Musik sich mit so sehnsuchtsvoller Lyrik auszusingen weiß, dass sie auch heute noch ergreift und berührt.

Bislang waren auf einer 1966 parallel zum Filmstart des dritten Teils Angélique et le roy erschienenen und 1975 neu aufgelegten Ducretet Thomson-LP etwas mehr als 30 Minuten der Scores von Teil 1 bis 3 in chronologischer Reihenfolge sequenziert erhältlich, die auf einer EMI-CD von 1995 noch um Bonus Tracks von der EP zum ersten Teil Angélique, marquise des anges ergänzt wurden. Durch einen Glücksfall konnte Stéphane Lerouge noch Backup-Kopien der 1969 bei einem Feuer in Magnes eigenem Aufnahmestudio im Château d’Hérouville vernichteten Originalbänder zu Teil 4 (Indomptable Angélique) und 5 (Angélique et le sultan) auftreiben, die nun auf dieser mit knapp 70 Minuten prall gefüllten neuen Universal-CD erstmals überhaupt zu Gehör kommen.

Was zunächst beim Betrachten des Tracklistings verwundert, ist die Tatsache, dass die einzelnen Musikstücke leider nicht den jeweiligen Filmen zugeordnet und zudem wild durcheinander sequenziert wurden, so dass nun etwa die Tracks aus Teil 1 nicht mehr direkt nacheinander erklingen, sondern zum Teil sehr weit auseinanderliegen. Doch Lerouges Konzept der Umstellung geht in der Tat auf und ergibt ein sehr gut fließendes Höralbum, das trotz der Länge absolut überzeugt. Dadurch, dass das Hauptthema mit seinen unterschiedlichen Arrangements über die CD verteilt wurde – so taucht das Finale von Teil 1 nun etwa erst ganz am Ende der Scheibe als Track 24 auf -, wird dies nun keineswegs überbeansprucht, sondern es erscheinen stets noch andere, auch ganz neue Themen dramatischer und elegischer Art, die die nötige Abwechslung ins Spiel bringen und somit das Interesse des Hörers über die lange Strecke wach halten.

Für Freunde romantisch angelegter Filmmusik stellt diese CD somit ein wahres Fest dar, denn es ist einfach bezaubernd, wie brillant und vielfältig Magne mit dem ihm zur Verfügung stehenden 80-köpfigen Orchester umzugehen weiß. Großartig und exquisit wie er in solchen Highlights wie Angélique devant la statue antique, Le bûcher oder Angélique reprend espoir voll intensivem Pathos noch dazu üppig besetzten Chor zu hymnischem Einsatz bringt.

Wie ein roter Faden zieht sich das melodisch so eindringliche Angélique-Thema in vielfältigen Modulationen durch die Partitur, wobei in für Magne so typischer Art und Weise oft dem Klavier eine besondere Bedeutung zukommt: mal ist es als konzertanter Begleiter eingesetzt, mal übernimmt es von den Streichern die Alleinherrschaft über die Melodielinie, mal gibt es nur das rhythmische Ambiente vor. Besonders schön und stimmungsvoll geraten ist auch das dem als Piraten in Teil 4 untergetauchten Peyrac zugeordnete Rescator-Thema, das mit seinen breit dahinströmenden Melodiebögen der Streicher und den Klavier-Staccati echt maritimes Feeling in den Score bringt.

In dem langen Track À l’abordage, das das Entern des königlichen Schiffs durch Peyrac untermalt, baut Magne dieses Thema weiter aus und durchsetzt es mit rasanten Streicherläufen und krassen Blecheinwürfen , die die Dramatik der Szene unterstreichen und Swashbuckler-Geist heraufbeschwören. Ebenso reizvoll die impressionistischen Holzbläsergirlanden in Nocturne méditerranéen, die das Thema in ein wiederum gänzlich neues Gewand kleiden. Für weiteren Hörgenuß sorgt ein erstmals im zweiten Teil auftauchendes pastorales Merveilleuse Angélique-Thema, barockes Streicher-Figurenwerk für die Verschwörungs-Szenarien am Hofe von Versailles oder apartes orientalisches Kolorit in Harem.

Universal hat die alten Mono-Aufnahmen klanglich sorgfältig restauriert und mit dieser CD einen echten Volltreffer gelandet: Eine angemessene Würdigung von Michel Magnes sattem, melodisch so becircendem Orchestergemälde, die leider in den internationalen Filmmusikforen bislang viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Stefan Schlegel, 10.8.2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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