American Movies

Claude Bolling

Frémeaux & Associés FA 510

CD 1: 
67:04
19 Tracks

CD 2: 
52:49
18 Tracks

Ob Komponist, Jazzpianist, Bandleader, Arrangeur oder Produzent –Claude Bolling ist Vollblutmusiker durch und durch und hat sich vor allem als Wanderer zwischen den musikalischen Welten einen Namen gemacht. Seine wohl bekannteste Komposition ist – neben dem Hauptthema aus Borsalino – die Suite for Flute and Piano Trio, ein Crossover von Jazz und Klassik, und genau in diese Richtung geht auch die Filmmusik zu California Suite, die den Löwenanteil von CD 1 ausmacht. Am Piano sitzt – wie oft in seinen Werken – Bolling selbst, an seiner Seite ein mit Spitzenmusikern wie Bud Shank, Tommy Tedesco und Shelly Mann besetztes Ensemble aus zwei Flöten, Sopransaxofon, Bass, Gitarre und Schlagzeug; als Weltpremiere ist hier zudem ein alternativer Take von Beverly Hills mit Bollings bevorzugten Solisten Jean-Pierre Rampal/Flöte und Alexandre Lagoya/Gitarre zu hören. Der barocke Jazz gibt sich beschwingt und heiter, selbst besinnlichere Momente scheinen wie ins warme Licht Kaliforniens getaucht. Ebenfalls mit Rampal spielt Bolling mit romantischen Streichern im Hintergrund das Stephen-Sondheim-Stück Goodbye for now, hierbei handelt es sich um das wunderschöne Liebesthema aus Reds von Warren Beatty.

Duke Ellington stand Bolling sowohl persönlich als auch musikalisch sehr nahe, und so nehmen stilistische Ähnlicheiten zum Altmeister des Jazz in The Silver Mine und The Bankers and the Bears aus Silver Bears nicht wunder. Für Catch me a Spy zieht Bolling gut gelaunt ein federleichtes Hauptthema, Marschrhythmen und einen mexikanischen Walzer aus dem Hut. Schnell zum Favorit auf der ersten Scheibe wurde für mich The Bay Boy. Hier werden Melancholie und Fröhlichkeit durch zwei bemerkenswerte Themen repräsentiert, wobei exponierte Instrumente wie Gitarre, Panflöte, Akkordeon und Banjo die entsprechenden Gefühle freisetzen, während in Donald dramatische Klavierläufe auf den Spuren George Gershwins wandeln.

CD 2 präsentiert mit dem kompletten The Awakening den gewiss ungewöhnlichsten Filmscore Claude Bollings. Freimütig gibt der Komponist zu, dass es für ihn ein Rätsel war, wieso Produzent Robert Solo und Regisseur Mike Newell ausgerechnet ihn, dem jegliche Erfahrung im Horror- und Fantasybereich fehlte, für diesen Job haben wollten. Um sich auf dem ungewohnten Terrain zurechtzufinden, zog Bolling die Orchestratorin Nancy Beach (Rent-a-Cop, Rambo III, Leviathan) hinzu, um sein Vorhaben – «eine durch die Wiener Schule gefilterte antike Kultur» – formal entsprechend umsetzen zu können.

Die Mumienmmär nach Bram Stoker handelt von einer Königin, deren Grab von einem Archäologen just am Tag der Geburt seiner Tochter geöffnet wird, woraufhin das altägyptische Biest Besitz von dem Mädchen ergreift. Dies kommt in Bollings hinreissendem Haupttema sehr schön zur Geltung, indem es abwechselnd in seiner orientalischen Urform, verführerisch vom geheimnisvollen Klang dunkler Holzbläser, und in seiner westlichen Inkarnation von sanften, melancholischen Streichern dargebracht wird.

Abgesehen vom Hauptthema und ein, zwei romantischen Nebenthemen beruht der Score auf Atonalität und ist wegen seiner ominösen, klaustrophobischen und unheilvollen Stimmungen sowie teils satten Dissonanzen nicht ganz einfach zugänglich. Die Auseinandersetzung mit der Musik lohnt sich aber allein schon wegen der delikaten Orchestrationen mit effektvollen Einsätzen von Harfe, Klavier oder des Bronte, einem Percussionsinstrument aus gebogenen Metallplatten. Auch bei wiederholtem Hören entdeckt man immer wieder faszinierende Details. Für einen «Novizen» ist diese Arbeit auf jeden Fall erstaunlich.

The Awakening war anfänglich wenig erfolgreich, entwickelte sich im Laufe der Jahre jedoch zu einem kleineren Kultfilm, und die Soundtrack-LP wurde zum gesuchten Sammlerstück. Das dürfte sich jetzt mit dieser neuen CD erledigt haben, die zudem eine Viertelstunde zusätzlicher Musik bietet, die den Score zwar nicht merklich aufwertet, ihn aber doch um ein paar feine Nuancen bereichert. Da Sequenzierung und Tracktitel teilweise geändert wurden, lässt sich jedoch nicht alles hinzugekommene Material auf Anhieb bestimmen.

Produziert und mit einem recht interessanten Booklettext in französich und englisch versehen wurde diese Veröffentlichung von Stéphane Lerouge, der auch für die CDs von Universal France verantwortlich zeichnet. Die optische Präsentation ist leider nicht so der Hit, schade dass man nicht auf das tolle LP-Cover von The Awakening zurückgriff. Ansonsten ist diese Doppel-CD klanglich tadellos, und die gelungene Zusammenstellung bringt einem Claude Bolling, der bei Filmmusikfans nicht sonderlich populär zu sein scheint, ein wenig näher.

Andi, 4.8.2009

CD 1

 

CD 2

 

 

 

 

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