1492

Vangelis

eastwest 74509-91014-7

54:47 Min. / 12 Tracks

BLADE RUNNER (1982) und 1492 CONQUEST OF PARADISE (1992) – zweimal haben Ridley Scott und Vangelis gemeinsam Kinowelten kreiert. Wie beide Filmkunstwerke mit anderer Filmmusik rüber kämen – unbequemer Gedanke (obendrein: hypothetisch). Liebhaber von Scott’s Bildern und magischem Vangelis-Sound könnten seit `92 gern mehr davon sehen und hören.

Vangelis’ 1492-Main Theme wurde seinerzeit auch mit Boxsport (Volksmund: „Henry-Maske-Musik“) assoziiert, als denn vom Film stammend. Man wartete einst nur darauf, dass Hulk Hogan seinen Arena-Einmarsch mit „Building the Barn“ aus WITNESS (1985, Composer: Maurice Jarre) abfeiern würde – glücklicherweise geschah nichts.

In der Hightech-Chefsache BLADE RUNNER hörten wir einen phantastisch-futuristischen Soundtrack. Dann also Ridley Scott’s Kolumbus-Expedition – angesiedelt, Jahrhunderte zuvor. Und genau da, wo ein Kollege wohl zeitgenössische Instrumente aus Museen hergenommen hätte: Natürlich Vangelis-Sound, malerisch-pompös.

1492-DoP Adrian Biddle, er verlieh u.a. visuelle Kräfte an WILLOW (1988) und THELMA & LOUISE (1991), kannte Ridley Scott aus frühen Commercial-Zeiten – beide schufen mit diesem Koloumbus-Biopic wahre Augenfreuden. Um nur eine zu nennen: Die ungewisse Reise der Kolumbus-Flotte Pinta, Nina und Santa Maria.

Track 1, „Opening“: Das CD-Intro übernimmt die mystisch-träumerische Collage aus gefühlten Flötenklängen, schrill-klirrenden Soundeffects und phantastischer (Synthe?)-Harfe. (Beim Movie-Intro führt eine „Hispanola“-Version, Track 9, in die Geschichte hinein – mit, für Scott-Filme, typischen Fakten aus der Epoche.) Einsetzender Übergang zu Track 2 (jeder kennt den, nicht nur die Freunde des Boxens).

Track 2, „Conquest Of Paradise“: Track-Alternative zur Filmversion – dennoch meilenweites Musikvergnügen, Aufbruch, Rhythmus, Weitblick und Sonnenlicht. Unvergleichlich: Seefahrer-Gesumme / Gesänge (English Chamber Choir). Schwebender Übergang zu Track 3.

Tracks 5 + 6, „Light And Shadow“ / „Deliverance“: Kolumbus und seine Entdecker sind angreifbar in der neuen Welt – im Dschungel findet die Giftschlange ihr Opfer (einen Seemann, der gegen Kolumbus an Bord noch meutern wollte und für den man jetzt Mitleid hat). Mit „abgehackten Chor-Gesängen“, Flöte, vermutlich einem „E-Spinett“ und reichlich Synthe-Masse ist das tragisch. Danach erwischt es im Track 6 Kolumbus’ Schiffseigner und Gönner Pinzón (Tchéky Karyo), vom Fieber ausgezehrt.

Track 9, „Hispanola“: Gemälde-Überblendungen und Rolltitel bieten beim Movie-Intro historische Orientierung – fremd klingende Sounds mit gepfefferter Spanischer Gitarre, kriegerischem Wehgesang und Trommeln. Kamera fährt final auf das Auge eines Häuptlings zu, blendet über in die Vater-und-Sohn-Szene, zeigt hier des Visionärs Theorie – mit Horizont und einer halb geschälten Orange.

Tracks 11 + 12, „Twenty Eight Parallel“ / „Pinta, Nina, Santa Maria (Into Eternity)“: In exakter Zusammenstellung so im Film nie zu hören, jedoch wie gemacht für Traumreisen. Es tauchen Fragmente einzelner Szenen auf, die sich mit nicht verwendetem Material mischen und weiter fließen. Nach harten Arbeitstagen, nicht nur an Deck, sehr zu empfehlen.

Leider nicht beim Soundtrack-Album an Bord: Der Track zur Szene, in welcher Einheimische, Kolumbus’-Getreue und Ochsengespanne die riesige Kirchenglocke hinauf zur Halterung im Turm befördern. Tonnenschweres Unreleased-Material müsste auf Vangelis’ Festplatte lagern.

Booklet: Notes eines unbekannten Verfassers, zwei Vangelis-PR-Fotos, prachtvolle Film-Stills, Making-of-Shot vom späteren Sir Ridley – und auf der letzten Seite noch mal eine Ausstattungsschönheit unter vollen Segeln.

Für 1:1-Dokus ist Mr. Scott kaum der Richtige, Nonfiction nicht seine Sache. Selbstverständlich, reproduziert man künstlerisch historische Ereignisse, sollten auch reale Begebenheiten mit einfließen. Es darf behauptet werden, dass in Scott’s Kolumbus-Film wohl nicht ausschließlich rum phantasiert wurde. Wer zwingend Details braucht, könnte ergänzend in Schulbüchern recherchieren. 1492 ist ein Film, immer noch – Zeitzeugen aus Tagen des Christoph Kolumbus konnte Drehbuchautorin Roselyne Bosch freilich nicht mehr auftreiben. Kritiker bemängelten, der Film wäre nicht realistisch.

Bilder-Magie darf nie für bare Münze gehalten werden. Ob Kolumbus seinem Sohn wirklich anhand der halb geschälten Orange die Welt erklärt hat, und ob dieser Seefahrer verbrieft einst zu Kolumbus Junior sagte: „Ich möchte hinter das Wetter gelangen.“ – beides sind schöne Film-Elemente, wenn sie sich auch so nicht zugetragen haben mögen.

Ebenso die Freizeitbeschäftigung von Studenten der Universität zu Salamanca (Kolumbus soll im Jahre 1491 dort angehört werden) – die jungen Männer in Kutten spielen eine Art Racketball im Hof, Kolumbus beobachtet sie dabei. Für Cineasten, nicht für Historiker: Mit hölzernen Schlägern wird ein kleiner Ball an die Mauer gedroschen – letzter Treffer knallt frontal auf die Leinwand, Cut – herrliches Bild.

Schauspielerisch oberstes Regal: Wenn Gerard Depardieu als Christopher Kolumbus seine Szenen mit Sigourney Weaver, welche Königin Isabella von Spanien gibt, abliefert: Zum Niederknien, als dieser einfache Navigator Kolumbus (am Ende der hart erkämpften Palast-Audienz) seine Königin fragt, wie alt sie sei! In solchen Momenten ist es völlig schnuppe, ob ein Frage-Antwort-Spiel zwischen ihren Figuren historisch belegbar ist – innerhalb eines Fiction-Films.

Die Auskopplungs-CD Vangelis – Conquest of Paradise (eastwest 74509-91173-20), spaßiger Weise mit „CD Single“ bezeichnet, bietet 4 Tracks ein Zuhause: „Conquest Of Paradise“, „Moxica And The Horse“ (beide vom Soundtrack-Album), „Line Open“ (wohl versehentlich rein gerutscht) und „Landscape“ (schönes 1492-Feeling, nicht im Film verwendet).

Manfred Schreiber, 16.08.2013

 

 

 

 

 

 

 

 

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